Es gibt Orte, an denen die Zeit nicht vergeht, sondern sich sammelt. Friedhöfe gehören dazu. Wer über sie geht, wer über sie schreibt – wie unserer Weltenbummler und Essayist Jaroslav Rudiš – betritt einen Raum, in dem die Welt leiser wird, damit die Stimmen der Toten hörbar bleiben. Und vielleicht ist das der wahre Sitz des Klubs der toten Dichter: nicht in Büchern, nicht in Akademien, sondern in diesen stillen Landschaften aus Stein und Erde. Wer die Gräber der Dichter besucht, merkt schnell: Der Tod ist nicht das Ende der Sprache. Er ist nur die letzte Metapher. Die Friedhöfe sind die geheimen Versammlungsorte des Klubs. Hier sitzen die Dichter nicht nebeneinander, sondern übereinander — Schichten aus Zeit, Erde, Erinnerung. Und wenn man über die Wege geht, wird man selbst zum Mitglied, ohne es zu merken. Vielleicht ist das der eigentliche Eintritt in den Klub der toten Dichter: Jaroslav Rudiš hat uns mit seinem neuen Roman den Zugang ermöglicht. Durch ihn wird der Leser Teil einer Gemeinschaft, die nicht aus Lebenden und Toten besteht, sondern aus Sprechenden und Hörenden. Der Autor hat uns ein Buch geschenkt, welches voller Schönheit und Poesie ist, an dessen Ende man geneigt zu sagen ist, die Dichter sind tot, aber ihre Worte liegen nicht unter den Steinen: Sie liegen im Wind, im Licht, im eigenen Atem. Die Friedhöfe sind nur die sichtbaren Türen. Die eigentliche Versammlung findet im Leser statt. Fazit: Es gibt Klubs, die man betritt, indem man eine Tür öffnet. Und es gibt Klubs, die man betritt, indem man ein Buch aufschlägt. Jaroslav Rudiš’s Klub der toten Dichter gehört dazu. Die Buchpräsentation in Berlin mit der einfühlsamen Merion Brasch, war ein gelungener Auftakt für die kommende Lesereise, die Jaroslav Rudiš auch in sein geliebtes Böhmisches Paradies führen wird, wo dann manch gutes Glas Bier geleert werden wird. Tak tedy šťastnou cestu a na zdraví!



